Gedanken und Erinnerungen eines Vaters:

Bereits sind drei Jahre vergangen, seit David gestorben ist. David ist unser drittes von insgesamt vier Kindern. Während zwei Jahren hat David mit mir und meiner Frau Jacqueline und unseren damals noch zwei anderen Kindern gelebt. Es waren intensive, starke, schwierige, aber nie hoffnungslose zwei Jahre. Manche Tage oder Momente sind mir noch so präsent, wie wenn sie eben erst stattgefunden hätten:

Die Geburt: Nach einer Spontangeburt und einem Notfall-Kaiserschnitt gingen wir bei David mit einem geplanten Kaiserschnitt auf Nummer sicher. Die ersten Schreie und das Gesicht von David habe ich immer noch im Ohr bzw. vor Augen.

Die ersten fünf Monate: Wie z.T. bei Victoria fand auch bei David das Einschlafritual häufig auf meinem Arm statt. Eingehüllt in eine kleine Decke mit einem kleinen Guck- und Luftloch und ganz nah bei mir, fand David die nötige Ruhe, um einzuschlafen.

Die Taufe: David nahm rasant zu und wurde als regelrechtes Mutschli getauft. Die Kirche und das ganze drumherum sind mir nicht mehr so präsent, aber die Figur und das Aussehen von David schon.

Der Tag X: Dienstag, 06. Oktober 1998. David war knapp fünf Monate alt. Jacqueline rief mich im Geschäft an, was ungewöhnlich war und bat mich, nach Hause zu kommen. Ich spürte sofort, dass etwas Ernstes geschehen war. Zu Hause dann zum ersten Mal der Anblick des Sonnenuntergangs-Blickes bei David (ohne damals zu wissen, was dies bedeutet). Anschliessend ging es Schritt für Schritt vorwärts: Jacquelines Besuch beim Kinderarzt, die Überweisung ins nahe Kantonsspital, die ersten negativen Kontakte mir Ärzten, endlich die Überweisung ins Kinderspital Zürich, die ersten Untersuchungen und dann eine erste Gewissheit, abends um 9 oder 10 Uhr: David hat einen Gehirntumor! ..... Dann die ersten Telefonate, das Organisieren des "Alltags", die ersten Gespräche und Wartezeiten.

Mittwoch und Donnerstag: Notoperation bei David, um den Hirndruck zu senken, ansonsten Wartezeiten. Der spontane und gemeinsame Entschluss, Gott über ein weiteres Kind entscheiden zu lassen und nicht die Pille oder andere Verhütungsmittel. Einmal zwei Stunden raus aus dem Spital, um etwas zu essen.

Freitag: Die Operation zur Tumorentfernung. Wir bringen David bis zum OP, dann fahren wir auf Empfehlung des Chefarztes nach Hause und warten... und putzen den Kühlschrank, bis er nur so glänzt! Am Abend dann das Gespräch mit dem operierenden Arzt über den "Erfolg" der Operation.

Die zweite Woche: David auf der Intensivstation. Ich und meine Frau organisieren den künftigen Alltag (ohne genau zu wissen, was auf uns zukommt). Spitex, Tagesmutter, Verwandte und ich selbst. Die ersten Tage sind chaotisch und vollgepackt. Wir versuchen beide, viel Zeit bei David zu sein, müssen aber bald feststellen, dass es so nicht geht: Ich fahre morgens nach Zürich, um eine halbe Stunde bei David sein zu können, dann fahre ich ins Büro, dann bald wieder nach Hause, um Jacqueline oder die Spitex abzulösen, Jacqueline fährt nach Zürich, kommt dann wieder zurück, ich fahre dann ins Büro und später dann nach Zürich, um abends noch einmal bei David sein zu können........ Nach einigen Tagen teilen wir die Aufgaben auf: Ich übernehme die Betreuung der anderen beiden Kinder, Oliver und Victoria, und Jacqueline kümmert sich um David. So funktioniert es besser.

Erster Block der Chemotherapie: Nach einer Woche Intensivstation dann die endgültige Diagnose: David hat ein Pineoblastom, ein sehr bösartiger Hirntumor. Chemotherapie ist die einzig sinnvolle Behandlungsmöglichkeit. Die Genesung von David macht schnelle Fortschritte. 14 Tage nach der Operation ist David wieder zu Hause.

Und dann folgen viele Monate Chemo-Blöcke, ungeplante Spitalaufenthalte wegen diversester Komplikationen (Shunt-Dysfunktionen und etliche Operationen deswegen, Gewichtsprobleme, Infekte, usw. usw.). Die Krebserkrankung bzw. deren Behandlung werden zum Alltag.

Sommer 1999: Ein Gespräch mit dem Chefarzt lässt Hoffnung aufkeimen, dass die Therapie erfolgreich sein könnte. Die Chemoblöcke sind so happig, dass die Nebenwirkungen eklatant sind.

Oktober1999: Ein Jahr nach dem Tag X verbringen Jacqueline und ich zum ersten Mal wieder zwei freie, wunderschöne Tage im Berner Oberland. Am Montag danach ist Kontrolluntersuchung (MRI) im Kinderspital. Erste Sichtdiagnose: alles i.O. Am Mittwoch, 22. Oktober 1999, dann der korrigierte Bescheid: Der Tumor ist wieder da, ein Rezidiv wächst erneut. Jacqueline ruft mich gegen Mittag im Büro an. Anschliessend fahre ich sofort ins Kinderspital. Wir haben ein erstes Gespräch mit der leitenden Ärztin. Sie schätzt, dass David Weihnachten nicht mehr erleben könnte...... Der geplante Chemo-Block wird abgesagt, wir packen die Sachen von David wieder ein und nehmen ihn mit nach Hause.

Bis Weihnachten 1999: Gemeinsam mit den Ärzten beschliessen Jacqueline und ich, alle Behandlungen sofort abzubrechen. David benötigt dann aber zwei Monate, um die Folgen der Chemotherapie zu verdauen. Wir laden alle Freunde und Verwandten frühzeitig ein, um David noch besuchen zu können. Weihnachten feiern wir mit David!!

Frühjahr 2000: Jacqueline ist wieder schwanger! Und David gedeiht plötzlich prächtig, nimmt zu, schläft gut und entdeckt weiterhin die Welt! Wir geniessen jede Minute und jeden Tag. Geschieht da etwa ein Wunder? Eine Kontrolluntersuchung im März bestätigt aber das Wachstum des Tumors und kurze Zeit später zeigen sich die ersten Symptome: Gleichgewichtsstörungen und etwas verzogene Gesichtsmuskeln..... was aber David erheblich weniger stört als uns Erwachsene.

Ende April /Anfang Mai 2000: Die Symptome sind stärker geworden. Wir werden von einer sehr warmherzigen, einfühlsamen Ärztin begleitet. Sie bespricht mit uns die möglichen Szenarien, soweit dies möglich ist. Wir sprechen auch über die Zeit danach, die Formalitäten, die Gesetze, usw.
Gegen Ende April bekommen wir Morphin und Sauerstoffflaschen. Am Sonntag, 30. April 2000 ist schönes Wetter (der ganze Frühling ist sehr schön und warm). David beginnt sich in seiner Haut nicht mehr wohl zu fühlen, Schmerzen hat er nach unserer Einschätzung aber noch keine. Am Montag telefonieren wir mit dem Oberarzt; wir sind uns einig, dass David gegen Abend eine ganz kleine Portion Morphin bekommt.

Dienstag, 02. Mai 2000: David wird nur ganz langsam und nicht richtig wach. Er mag auch nicht trinken. Wir nehmen ihn auf und tragen ihn etwas herum. Mittags kommt der Storenlieferant und zeigt uns Muster für die neue Sonnenstore (absurd, aber real). David ist auf meinem Arm und schaut aus Augenschlitzen zu. Sein Atem beginnt langsamer zu werden. Am Nachmittag liegt er in der warmen Frühlingssonne in unserem Garten. Die Geschwister ziehen ihm immer wieder seine Musikuhr auf oder singen ihm Lieder. Abends beraten wir kurz und beschliessen dann, ihn nicht in sein Zimmer zu bringen. Wir richten eine kleine Bettstatt im Wohnzimmer ein und ich lege mich dazu, ohne zu wissen, dass dies der letzte Abend sein würde. Davids Atemzüge werden immer langsamer. David ist ganz entspannt und ruhig. Heute sagen wir voller Überzeugung, dass sich David im Laufe dieses Dienstages auf den Weg gemacht hat. Gegen zehn Uhr Abends setzt der Atem von David ein erstes Mal aus.... Wir sehen uns an, dann beginnen sich Tränen zu lösen bei mir....... und plötzlich setzt der Atem von David wieder ein!
Wir legen uns wieder neben David, halten seine Hand, fühlen seinen Puls. Jacqueline nickt kurz ein, ich bleibe wach. Ich horche genau auf den Atem von David. Einige Male bleibt der nächste Atemzug aus, um einige Sekunden danach wieder einzusetzen. Einige Minuten nach Mitternacht kommt kein nächster Atemzug mehr. Unser David ist gestorben!
Wir setzen uns an den Tisch. Wir schweigen und reden abwechslungsweise. Gegen drei Uhr morgens trage ich David in sein Zimmer und lege ihn in sein Bett. Wir beraten kurz, wie der nächste Tag aussehen soll. Wir beschliessen, die Kinder am nächsten Morgen wie geplant zur Tagesmutter zu bringen, damit wir zuerst die amtlichen und anderen Gänge und Besorgungen erledigen können. In der Nacht und auch den ganzen Tag gehen wir immer wieder zu David, streicheln und küssen ihn.
Gegen drei Uhr Nachmittags holen wir dann unsere Kinder ab. Die bange Frage ist für uns immer noch: Wie sagen wir es ihnen? Aber die Kinder nehmen uns dieses Problem ab. Schon von weitem kommt als erstes die Frage, wo David ist. Zu Hause, sagen wir und schon kommt die Nachfrage, wieso wir ihn nicht mitgenommen haben. Natürlich wussten die Kinder, was mit David los war und dass er sterben würde. Nun war es also soweit.
Kaum sind wir zu Hause, rennen die Kinder schnurstracks ins Zimmer zu David und streicheln und liebkosen ihn. Er ist ja ganz kalt, bemerken sie und wir sprechen über die wärmende Seele, die jetzt den kranken Körper verlassen hat.
Wir ziehen David um, waschen und kämmen ihn. Die Kinder sind aktiv dabei. Gegen Abend dann der schwierigste Moment: Die Leichenbestatter holen David ab. Wir singen David noch einmal ein Lied und ich lege ihn in den Sarg. Wir machen den Deckel zu, müssen aber noch einmal aufmachen, weil Victoria so fest weint. Auch beim zweiten Mal geht es nicht viel besser. Victoria kann diesen Moment fast nicht ertragen. Trotzdem geschieht es nun und wir winken David hinterher...........

Die Tage danach und die Beerdigung: Das schöne Wetter hält an. Wir sind alle aktiv und arbeiten bzw. spielen viel im Garten. Vor der Beerdigung wird David aufgebahrt und wir und einige Verwandte und Bekannte besuchen ihn noch einmal.
Unsere Kinder sind die besten Therapeuten für scheue oder ängstliche Besucher. Sie nehmen einfach jeden an der Hand und führen ihn zu David.
An der Beerdigung von David tragen wir alle vier ein T-Shirt mit dem Bild von David. Während wir vor dem offenen Grab stehen, bemerkt Victoria, dass ich auf meinem Kopf ein Loch in den Haaren habe!


Am 22. Oktober 2000 kommt unser Benjamin auf die Welt!

Ich könnte noch stundenlang weiterschreiben und die Geschichte von David und mir, seinem Vater erzählen. Ab und zu sehe ich Oliver, Victoria und Benjamin zusammen sitzen und denke daran, dass eigentlich noch ein viertes Kind dabei sein könnte. Ein kurzer, trauriger, wehmütiger Moment. Aber dann fällt es mir doch schwer, mir das real vorstellen zu können, weil David mit zwei Jahren gestorben ist. Benjamin ist jetzt bereits 2 ½ Jahre alt! David wäre jetzt gerade fünf Jahre alt.


Was ist geblieben: Eine neue, andere Art von Leben, die ich David verdanke. Erfahrungen und ein Reifeprozess, den ich ohne David so nicht hätte machen können. David hat mein Leben, hat mich nachhaltig verändert!

Daniel, der Papi

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