Eine Chronologie meiner Trauer:
Mai 2000
Getragen von viel Anteilnahme und der Erleichterung, dass David nicht leiden musste, gehen die Tage dahin.... Vieles, was wir vorher aufgeschoben haben, wird nun angepackt und füllt unsere Tage mit Geschäftigkeit.
Juni 2000
Die Ferien werden zur Zerreissprobe.
Jetzt erst kommt vieles hoch, erst jetzt haben wir Zeit - und das macht uns oft traurig. Er fehlt uns.
Juli 2000

In manchen Momenten kann ich mir vormachen, dass der Alltag Einzug gehalten hat... solange ich mich daheim verkrieche und mich nicht den Gefahren der Aussenwelt aussetze.

August 2000

Ich fühle mich oft ausgegrenzt.
Ich möchte den Alltag, doch ich ecke an... Unverständnis, Schweigen, Hilflosigkeit begegnet mir, wenn ich anderen Menschen begegne. Ich kann nicht damit umgehen und ziehe mich immer mehr zurück.
Ich kann nicht schweigen von David, aber wenn ich erzähle, ernte ich nicht nur Verständnis und Anteilnahme. Wie schwierig ist es, wenn mir die Menschen ausweichen, um nicht mit dem Tod konfrontiert zu werden.

September 2000

Meine Schwangerschaft nimmt immer mehr Raum ein - sowohl physisch als auch psychisch.....

Oktober 2000
Benjamin kommt zur Welt. Ich bin erleichtert, dass er gesund ist - mir war vorher nicht bewusst, welche Ängste ich gehabt habe....Als ich ihn das erste Mal sehe, laufen mir die Tränen der Freude, der Erleichterung.
November 2000

Unser Neuankömmling macht mich glücklich und bedingungslose Liebe erfüllt mein Herz. Darauf getragen kann ich vieles vergessen.Doch gleichzeitig macht er die Lücke viel bewusster, zementiert das Fehlen fest.

Dezember 2000

Die Weihnachtszeit bringt mir viele Erinnerungen an die Zeit vor einem Jahr, an die Zeit, als wir noch nicht wussten, welche tolle Zeit uns noch vergönnt war, an eine besondere, verzauberte Zeit....

Januar 2001

Ich entdecke das Internet und die Mail-Freundschaften. Endlich ein Austausch mit Menschen, die den schwierigeren Teil meiner Geschichte akzeptieren und nicht wegschauen oder darüber hinweggehen....

Februar 2001

Olivers Herz-OP wird zweimal verschoben und ich lebe in einer Daueranspannung. Nur nicht nachdenken, nur nicht grübeln.....

Alles andere geht über meine Kraft....

März 2001

Der Gedanke an eine Homepage für David entsteht...mit Null Ahnung vom Homepagebau, nur mit freiem Speicherplatz.

Und wie so oft, wenn ich eine Idee habe, verbeisse ich mich darin....

April 2001

Abend für Abend wühle ich in den Tiefen meiner Seele und versuche Texte zu formulieren, die meiner Trauer gerecht werden, die meine Gedanken zum Ausdruck bringen....
Ich bin oft erschöpft, und doch geht es mir gut dabei.

Um das alles aufschreiben zu können, muss ich es aus den Tiefen meiner Seele holen, aufschichten und aussortieren, und das Beste davon herausfiltern und umformulieren, bis ich das Gefühl habe "jetzt ist es richtig".

Ausserdem ist Olivers Herz-Operation, und der Aufenthalt im Kinderspital bringt viele Erinnerungen - schöne und schwere. Zu den Ängsten mit Oliver kommen irreale Ängste der anderen Art.....


Mai 2001

Davids Todestag jährt sich und ich bin traurig.... und habe auf diesen Tag hin die Himmelskinderseiten ins Netz gebracht - ihm zu Ehren...

Seinen 3. Geburtstag feiern wir auf Wunsch unserer Kinder. Sie haben ja recht - wir wollen feiern, dass er zu uns gekommen ist.

Juni 2001

Endlich weg von daheim, endlich Ferien ....

3 Wochen zum Ausspannen und Erholen......

Juli 2001

Nun sind die Ferien vorbei, ich dachte immer, danach ist alles besser, doch nun stürzt es auf mich herab....Was ich für Müdigkeit und Ferienreife gehalten habe, ist in Wahrheit meine Unfähigkeit, mich selber gehen zu lassen. Ich bin in ein tiefes Loch geraten und nur dadurch, dass ich endlich gelernt habe, diesen wohl auf immer traurigen Teil meiner selbst anzunehmen, ist auch der fröhliche Teil meiner Seele wieder wahrhaft geworden.

Zu lange war das "Stark sein" Pflicht, als dass ich je hätte schwach sein können. Ich bin an meinen eigenen Ansprüchen fast erstickt - und wusste es nicht einmal .... Aber wie ich da raus komme, das weiss ich nicht.

August 2001
Der Alltag läuft seinen gewohnten Gang....ich bin froh und ich bin traurig und meistens beides gleichzeitig.
September 2001

Ein reales Treffen mit vielen virtuellen Bekanntschaften beflügelt mich und gibt mir Mut für den Alltag daheim....der mich schnell wieder einholt.

Die Quengelphase des Jüngsten mach mich oft fertig, weil es mich so ungut an Davids schlechtere Tage erinnert und ich damit nicht umgehen kann. Beim kleinsten Weinen bin ich mit den Nerven am Boden - ob das je ändert?

Oktober 2001

Eine Lustlosigkeit erfasst mich immer wieder, die ich häufig auf den Alltag schiebe, die aber eigentlich mit den unverarbeiteten Dingen und mit der Anspannung der letzten 3 Jahre zu tun hat.

Ein Kurzurlaub allein mit meinem Mann hat sich zerschlagen, und die gesuchte Entspannung, das "Raus aus dem Alltag" hat sich in einen Traum verwandelt.

Nun versuche ich, meine Depressionsanflüge vor mir her zu schieben...

November 2001

Endlich habe ich mir ein Herz gefasst und die längst fällige Überarbeitung dieser Seiten in Angriff genommen.

Überfällig einerseits, weil ich von einigen darauf angesprochen wurde, überfällig aber auch, weil mir die Arbeit an diesen Seiten samt der verflixten Technik hilft, meine Trauer zu verarbeiten, meine Gefühle zu sortieren und mir immer wieder ein Stückchen mehr Klarheit und Bewusstheit zurückzuholen.

Überfällig auch, weil ich es so lange vor mir hergeschoben habe unter dem Deckmantel "keine Zeit" und eigentlich "keinen Mut" gemeint habe.....

Dezember 2001

Der Alltag fliesst so vor sich hin..... ich gelange immer wieder an meine Grenzen, weil mich die Kinder herausfordern, wo es nur geht .
Sie spüren wohl, dass meine Seele mal wieder auf recht wackligen Beinen steht.

Ein Kurztrip zu einer Freundin zusammen mit Oliver holt mich zwar kurzfristig da raus, aber die Erholungswirkung ist nicht so lang, wie ich mir das gewünscht hätte....

Januar 2002

Ein neues Jahr fängt an.
Ein Jahr liegt vor mir, das mir nur noch Angst macht, denn zu meiner inneren Qual kommen zunehmend Schwierigkeiten mit Oliver, der in seinem Verhalten sehr anstrengend ist.
Die Gelassenheit, die ich so dringend brauchen könnte, ist nicht da ich kämpfe tagtäglich gegen den grauen Nebel in meinem Herz, der mir jede Energie raubt.
Allein das Aufstehen am Morgen erschöpft mich.....

Davids Grabstein ist nun fertig und aufgestellt.
Er ist genau so geworden, wie wir uns es gewünscht haben - ein besonderer Stein für ein besonderes Kind....

Februar 2002

Ein Gespräch mit meinem Arzt hat mir klar gemacht, dass ich mich mehr abgrenzen muss, dass ich aufhören sollte, um jeden Preis zu funktionieren.
Doch - es bleibt mir wie so oft nicht viel anderes übrig und so kämpfe ich mit mir und meinen Pflichten.

Immer wieder habe ich einen Kloss im Hals und würde am liebsten losschreien, doch es gelingt mir nicht, so die Beherrschung zu verlieren.
Zu lange musste ich um jeden Preis die Haltung wahren.....

März 2002

Die Depressionstage häufen sich...... .und fast pausenlos erdrückt mich die Alltagslast.
Ich sehe keine Chance und beim Gedanken, dass ich nun noch jahrelang mit all diesen Lasten und meiner Trauer kämpfen muss, macht mich fast wahnsinnig.

Ein "Outing" an geeigneter Stelle ( in einem Forum) zeigt mir, warum ich mich nicht einfach fallen lassen kann, was da alles in mir steckt, das mich traumatisiert hat.
Allein dieses Aussprechen befähigt mich zum ersten Mal, meine Verzweiflung, meine Wut über unser Schicksal herauszuschreien...
Ich stehe an Davids Grab und weine - ich weine endlich, so richtig verzweifelt und nicht nur mit den Augen..

Welche Erleichterung....

April 2002

Die Lage beginnt sich ein bisschen zu entspannen...

Ich habe selber einen ersten Therapietermin Anfangs Mai - und ich bin sicher, das wird mir helfen können, meine Traumas zu verarbeiten, um danach nicht mehr von einer depressiven Phase in die nächste zu fallen.

Oliver, der mich immer wieder an meine Grenzen und darüber hinaus gebracht hat, wird nun abgeklärt, ob neben seiner Hochbegabung noch etwas anderes ist...

Und ich nehme das ganz grosse Update dieser Seiten in Angriff, um zu Davids zweitem Todestag damit fertig zu sein.

Mai 2002

Der zweite Todestag und der vierte Geburtstag innerhalb zwei Wochen....
Wir haben viele schöne und nachdenkliche und auch traurige Momente.

Es sind immer besondere Tage, diese Jahrestage, vieles ist wieder viel näher und mehr als mir manchmal lieb ist, kann ich mich erinnern, was genau vor zwei Jahren war....

Unsere anderen Kinder zeigen uns wieder einmal mehr, wie wichtig für sie die Rituale sind, mit denen wir Davids Todestag gestalten und bestehen auch dieses Jahr darauf, dass wir Davids Geburtstag feiern.

Meine ersten Therapietermine bringen mir einige wichtige Ansatzpunkte, um mich in meinen Gedanken weiterzubringen, haben aber nur am Rand mit meiner Trauer zu tun.

Juni 2002

Mir wird vieles klarer, seit wir wissen, dass Oliver ein ADHS-Kind ist.

Viele meiner Depressionen waren nicht durch den Verlust von David verursacht, sondern durch das dauernde Gefühl des Versagens bei Oliver. Jeder seiner Tobsuchtsanfälle brachte mich an den Rand der Verzweiflung, da ich einfach nicht mehr wusste, was ich noch machen soll. Bewusst war es mir nicht.

In der Therapie und beim Nachdenken wird mir klar, dass ich eigentlich eins geworden bin mit meiner Trauer. Sie gehört zu mir und macht mich daher nicht traurig, sondern ein Teil von mir ist traurig - und das fühlt sich einfach richtig an.
In Absprache mit der Therapeutin breche ich die Therapie ab - sie hat mir die Schlüssel mitgegeben, um wieder selber klarzukommen.

Einer dieser für mich unendlich wichtigen Schlüssel heisst :
Es ist normal, dass es immer wieder Rückfälle gibt, es gehört dazu.
Nicht alles muss therapiert werden, manches muss einfach angenommen werden........

Juli 2002

Ich finde meine alte Energie wieder, die ich hatte bevor alles begann und staune manchmal über mich selber, was ich alles zu leisten vermag.

Das passt auch ganz gut, denn bevor es in die Ferien geht, ist noch einiges zu erledigen.


Dies alles sind meine persönlichen Gedanken und Empfindungen und keineswegs repräsentativ.

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