Von der Liebe und dem Tod
(Auszug aus einem Posting im BZ von mir, ausgelöst durch einige sehr direkte Fragen)

Immer wieder bricht der Tod oder auch die Krankheit in dieses Forum ein, hier wohl noch mehr als draussen ...immer wieder wird man daran erinnert, dass alles endlich ist, dass es manchmal im Leben Dinge gibt, die man nur annehmen kann, auch wenn man gar nicht will ...und das unterscheidet wohl dieses Forum von anderen Gemeinschaften - immer wieder sind da Menschen, die bereit sind, sich auf diese schwierige Auseinandersetzung mit den Schattenseiten des Lebens einzulassen. Allein dies gibt mir den Mut, hier auch offen zu sprechen, getrieben von der Hoffnung, dass dies dem einen oder anderen bewusst machen kann, wie es so ist, wenn man um ein Kind trauert.Getrieben von der Hoffnung, jenen, welche durch dieses dunkle Tal gehen, Mut zu machen, Trost zu spenden und zu zeigen, dass das Leben irgendwann wieder schön sein wird....


Haben nur Menschen, wie Du, die das alles schon erlebt haben, den Mut so zu sprechen wie im anderen Posting? Ganz frontal ranzugehen?
Ich weiss es nicht.
Aber mir / uns ( Daniel und mir) hat es immer sehr geholfen, wenn uns jemand offen von seinen Erfahrungen berichtet hat, ohne Scheu und Beschönigungen erzählt hat, wie das Sterben ist.
Dabei ist uns sehr bald klar geworden, dass die Krankheit und das Leiden ein trauriger Teil sind - aber dass der Tod nicht nur ein schreckliches Gesicht hat.
Es gibt unzählig viele Nahtod-Berichte - und in allen wird das Jenseits als ein angenehmer Ort beschrieben.
So oft hörten wir ( und erlebten es auch so), dass der Tod Frieden in ein Gesicht brachte, dass der Anblick des Toten Hoffnung machte in aller Traurigkeit.
Dies hat uns geholfen, auseinanderzudividieren, dass es zwei Aspekte gibt : wir als trauernde Eltern, die mit unserer Liebe und Verzweiflung zurückbleiben und darunter leiden - und die von David, der seinem kranken Körper entfliehen konnte an einen Ort der Freiheit und ohne Krankheit.
Und dann war vieles leichter....
Es ist einfacher, das Kind gehen zu lassen, wenn man sich vorstellen kann, es in gute "Hände" zu geben......

Wie war Dein letzter Tag mit Deinem kleinen Sohn? Wusste er, daer stirbt?
Durch seine lange Erkrankung war David in seiner körperlichen Entwicklung hintenan. So konnte er noch nicht sprechen. Doch ich bin mir ganz sicher, dass er genau wusste, dass seine Zeit bei uns begrenzt ist - und dementsprechend kostete er jeden guten Moment aus, wie ich es sonst noch nie erlebt habe - und die schlechten trug er mit einer Würde und Gelassenheit, die uns Eltern klein und demütig machte und uns beschämte, wenn wir über unser Schicksal klagten...
Seine letzten Stunden verbrachte David bei uns zu Hause - und wir waren uns bis zu den letzten 4,5 Stunden nicht darüber im Klaren, dass er sich nun auf die Reise gemacht hat.
Bedingt durch die Lokalisation seines Tumors und durch das Morphin, welches er die letzten 36 Stunden bekam, war er in einem Bewusstseinszustand, der irgendwo zwischen da und weg war. Wir trugen ihn herum, wir spürten seine Seele, sein Körper reagierte noch darauf, aber eigentlich war er vor allem schläfrig.
Als seine Atmung, die schon immer langsamer wurde, aussetzte, war er frei......


Wie überlebt man den ganzen langen Weg mit dem Wissen, dassdas Kind, dem man das Leben geschenkt hat, sterben wird?

Wie überlebt man?

Man überlebt, weil man nicht stirbt.

Man fühlt sich zwar oft innerlich wie selber tot, aber man ist noch da und hat diese Last zu tragen, ob es einem gefällt oder nicht. Man funktioniert. Ein Tag nach dem anderen verstreicht und man steht auf, isst, trinkt, arbeitet, redet - wie wenn man hinter einer Glaswand steht. Man hört die Geräusche von draussen, aber man versteht sie nicht.
Man sieht die Farben der Sonne, aber man erkennt sie nicht.
Man spürt die Nässe des Regens, aber es berührt einen nicht.
Und noch ein Tag, und noch ein Tag, und noch ein Tag.
Und irgendwann ertappt man sich dabei, dass man lacht. Man erschrickt, weil man sich nicht verzeihen kann, dass man jetzt einfach lacht. Und doch ist es der einzige Weg aus der Trauer ins Leben zurück...jeden Tag ein bisschen, jede Woche einen Schritt - und irgendwann kann man die traurigen Erinnerungen als Teil seiner selbst wahrnehmen und dabei doch lachen.....
Und immer wieder gibt es Rückfälle - Phasen, wo man da sitzt und alles nur leer ist, wo man sich selbst nicht mehr findet in dieser Leere, geschweige denn das Kind, das doch eigentlich immer noch da ist - wenn auch auf andere Art..... Dann ist es gut, wenn man seiner Trauer und seinen Zweifeln Ausdruck verleihen kann, wo auch immer. Das Gefühl, doch nicht allein zu sein, hilft, wieder zu sich zu finden. Nicht ausgegrenzt zu werden, weil man sich oft nichts mehr wünscht als die Normalität, in der man andere Menschen leben sieht, und die einem verwehrt ist...


Wie hast du ihn wahrgenommen nach dem er gestorben war?
Kannst du fühlen wie es ihm geht? Gibt es noch eine 'Nabelschnur' zwischen euch? Findest du ihn?

Manchmal spüre ich ihn ganz nah bei mir und eine grosse Wärme erfüllt mich, mein Herz quillt über vor Liebe.
Und an anderen Tagen suche ich ihn und er ist nicht da. Dann versuche ich, mittels Fotos, Filmen, Gegenständen, Tagebuch seine Nähe zu holen - was aber nur bedingt möglich ist. Viel schöner ist es dann, wenn ich ihn durch Erzählungen zurückholen kann und Menschen finde, die diese Geschichten mögen. Doch oftmals fehlt mir der Mut, einfach so aus blauem Himmel von ihm zu erzählen - wem auch, der Kassiererin im Lebensmittelmarkt, dem Postboten....


Nun möchte ich noch einige andere Gedanken loswerden:

Oft bekomme ich zu hören "es muss das Schlimmste sein, sein Kind zu verlieren".
Für mich war es das nicht.
Viel schlimmer waren die Momente, wo es ihm ganz mies ging, und weder ich noch die Ärzte ihm helfen konnte - und er nicht mal eine Berührung von mir ertragen hat.
Sein Kind leiden zu sehen, und ihm nicht helfen zu können, empfinde ich als viel schlimmer.
Jede Mutter möchte doch nur das Beste für ihr Kind. Und dann stand ich da und musste mir sagen, es ist besser für ihn, wenn er sterben kann, weil ein Weiterleben ein Weiterleiden geworden wäre... In dem Moment konnte ich doch nicht meine Bedürfnisse, ihn bei mir zu behalten, über sein Wohl stellen.
Es wäre zu schön gewesen, wenn er gesund! bei uns hätte bleiben können, doch er war eben gefangen in einem gesunden Körper mit einem bösartigen Tumor, der sein Stammhirn angriff....

Heute glaube ich fest daran, dass es nicht Davids Bestimmung war, mit uns die Art Zukunft zu teilen, die man sich bei der Geburt eines Kindes so vorstellt.
Seine Bestimmung war ( und ist es noch) unser Leben bis in alle Zeit unwiderruflich zu verändern, seine Spuren in unserer Seele zu hinterlassen, und Lebensfreude, Gelassenheit und Würde zu lehren, uns mit seiner bedingungslosen Liebe zu bereichern....
und nun liegt es an mir, diesem Vermächtnis gerecht zu werden. Indem ich versuche, das Tabu "Tod" zu brechen, indem ich versuche, meine eigenen Erfahrungen an die weiterzugeben, die durch das dunkle Tal der Sorgen und der Angst und der Trauer wandern... und helfe gleichzeitig mir selber dabei! ( Ich bin mitnichten eine Heilige ;-)
Zu erleben, dass all diese schweren Erfahrungen und traurigen Gefühle für andere wertvoll sein können, dass sie nicht verloren sind - das bringt mir jedesmal einen Hauch David zurück......

Was uns in dieser Zeit geholfen hat,war unser Glaube. Nein, ich will nicht missionieren, doch für uns war es eine wichtige Stütze und ich wäre nicht ehrlich, wenn ich es verschweigen würde, nur weil dieses Bekenntnis manchmal nicht mehr modern ist. Für UNS war es eine Hilfe.

Das wichtigste am Schluss :

Man kann es überstehen!

Und man geht bereichert und mit neuen Werten daraus hervor.
Das Leben bekommt eine neue Dimension der Tiefe, der Reife, des Bewusstsein, der Prioritäten.
Wo früher Freude über die ersten Schritte eines Kindes war, ist heute tief empfundenes Glück.
Wo früher Ärger über unwichtige Dinge war, ist heute Ironie und Humor und *diezeitistmirzuschadedazu*
Wo früher Unverständnis für Fremdes war, ist heute Toleranz und Interesse.


Und wenn ich heute unseren Kleinsten ansehe, der 5 Monate nach Davids Tod geboren wurde, dann empfinde ich eine Glückseligkeit über dieses Kind, das wächst und gedeiht und Fortschritte macht - weil ich nichts mehr als selbstverständlich ansehe.
Sein Lachen ist Balsam auf unsere Wunde.
Und wenn mir jemand eine Freude macht, dann kann ich diese um so tiefer empfinden, weil ich auch den tiefen Schmerz kennengelernt habe.


Vieles habe ich nun gesagt, aber noch viel mehr blieb ungesagt - es ist kein Thema, welches ich auf ein gewisses Mass dimensionieren kann.

Diese Seite gehört zu einem Frameset -
klick hier, wenn Du diese Seite allein siehst!